Meine erste Woche in Estland

Ich bin etwa eine Woche bei Elen geblieben. Zu sagen „Eine Woche in Tallinn“ wäre aber nicht wirklich korrekt, denn wir sind so viel rumgefahren, dass ich von Tallinn selbst gar nicht so viel mitbekommen habe. Ich hatte so viel Zeitdruck, zu Elen zu kommen, weil sie danach für ein paar Tage Termine verteilt in Estland hatte. Entweder ich wäre rechtzeitig dagewesen, um mit zu kommen, oder wir hätten uns erst ein paar Tage später gesehen. Obwohl ich mir so viel Mühe gegeben habe, extra mitzukommen, um viel zu sehen, habe ich im Endeffekt die ganze Zeit gearbeitet. So viel Zeit vor dem Computer habe ich schon lange nicht mehr verbracht und es tut mir richtig leid, wie wenig ich daher in den ersten Tagen mit Elen machen konnte.

Eingang zur Altstadt

An meinem ersten Abend hatte ich jedoch ein bisschen Zeit, um mir die Altstadt Tallinns genauer anzusehen. Anderen Leuten schwärme ich immer von Erfurts Altstadt vor, aber die ist nichts gegen die von Tallinn, ehrlich. Man merkt, dass die Stadt, oder wer auch immer, viel Geld in die Restaurierung steckt, sodass die Gebäude, obwohl hunderte Jahre alt, alle wie aus dem Ei gepellt aussehen. Überall gibt es kleine Restaurants, scheinbar mit Vorliebe für Fleisch, Fleisch, Fleisch, Trabadour-Sänger und daneben erstaunlich viele Gentlemen-Clubs. Wie Elen mir erklärt, ist Tallinn ein beliebtes Ziel für finnische Touristen, weil hier alles (vor allem Alkohol) so viel günstiger ist. (Fun Fact: Vor kurzem wurde jedoch auch die Alkoholsteuer in Estland erhöht, in Lettland ist sie jedoch noch sehr günstig. Daher gibt es direkt hinter der Grenze einen riesigen Getränkemarkt und eine Buslinie, die nur von Tallinn bis dorthin fährt.)

Schloss von Tallinn

Tallinn hat wohl die ältesten Stadtmauern Europas, deren Markenzeichen ihre großen Türme sind (Leider ist mein Bild davon gerade auf einer Sim-Karte, die ich noch finden muss ;)).

Am nächsten Tag haben wir uns das „hippe“ Viertel angeguckt, mit Markt, Fotoausstellungen, veganem Essen usw. Abends sind wir etwa 2h südwestlich zu einem Geburtstag von Elens Freunden gefahren. Das Geburtstagskind hat ein Haus mit Hof und Garten mitten im Nirgendwo und dort wurde gegrillt und gefeiert. Am nächsten Tag ging es nach Tartu, der estländischen Studentenstadt. Elen hatte dort einen Fotojob und ich saß eigentlich auch nur vorm PC. Übernachtet haben wir bei ihrem Kumpel Märt, der in ihrer alten Wohnung wohnt.

Estland ist eine Mischung aus westlicher Moderne, sowietischen Einflüssen und estländischer Tradition. Estland war seit fast 13 Jh.n.Chr. Besetzungsgebiet, mal die Dänen, mal die Finnen, dann die Sowietunion. Trotz Sklaverei konnten sie ihre Sprache und viele andere Traditionen erhalten und vor 100 Jahren erklärten sie zum ersten Mal wieder ihre Unabhängigkeit, was auch ihre Kultur wieder zum Erblühen brachte. Im Zuge des zweites Weltkrieges fielen sie jedoch wieder unter sowietisches Hoheitsgebiet, was bis in die 80er-Jahre anhielt. Dadurch findet sich immer noch viel von sowietischer Architektur wieder und andere Kleinigkeiten, wie Straßenlaternen oder Steinmülleimern, die ich noch als Überbleibsel von DDR-Zeiten kenne.

Typische kleine Küche, gekocht wird mit Gas, das man an der Tankstelle auffüllt. Geheizt wird immer noch mit Holz.

In Tartu war die Architektur ganz anders als die, die ich bis dahin in der Altstadt von Tallinn gesehen habe. Dese Holzhäuser sind jedoch ganz typisch für Estland, ebenso wie die farbigen Türen und mit Schnitzereien verzierten Holzfensterrahmen.

Coolste Bar in Tartu, laut Elen und ihrem Kumpel Märt.
Sehr estländisches Gericht: Kleine ungeschälte Kartoffeln mit Salat und Mayonaise. (Alle Zutaten, außer die Mayo, kommen aus dem Garten von Märts Elternhaus.)

Da Estland so klein ist, ist es nicht unüblich, Freunde zu besuchen, die auf der anderen Seite des Landes leben. Im Endeffekt verteilen sich jedoch die meisten jungen Menschen auf Tartu und Tallinn, sodass man seine Freunde irgendwie immer in seiner Nähe hat. So kam es, dass Märt unabhängig von uns auch wieder in Tallinn ankam. Zusammen mit Taavi, einem weiteren Freund aus Kindertagen, beschlossen sie, mir etwas typisch estländisches zu zeigen: Ein Bog, oder auch Moor.
In meinem Kopf waren Moore immer total schlammige, nebelige Gebiete, aus denen giftige Gase austreten und die dich verschlingen, sobald du sie nur ansiehst (danke Sherlock Holmes!). Deswegen war ich mehr als positiv überrascht, als wir schließlich vor Ort ankamen. Da Märt Biologe und Sohn einer Bog-Spezialistin ist, hat er mir einiges über die Landschaft erklärt. Was ich jetzt noch wiedergeben kann ist, dass ein Moor dadurch entsteht, dass der Boden aus Torf besteht. Dieser kann Wasser sehr gut einlagern, aber nicht hindurchlassen.

Wilde Moltebeeren. Hier wachsen auch wilde Preiselbeeren und andere Sachen.

Dadurch staut sich das Wasser und verdrängt jeglichen Sauerstoff, wodurch alles, was dort stirbt oder untergeht, so gut wie nicht zersetzt wird. Dadurch kann man in 4m Tiefe bis zu 2000 Jahre in die Vergangenheit zurückgehen und sehen, was zu dieser Zeit dort passiert ist – etwa ein Brand oder Knochenfünde. Das Wasser ist fast ausschließlich Regenwasser und enthält dadurch kaum Nährstoffe. Durch diese sehr eigenen Umstände gibt es viele Pflanzen und Tiere, die ausschließlich in dieser Umgebung wachsen, wodurch es für einen Biologen wie Märt besonders spannend ist. Fakt ist: es sah wunderschön aus, keine Gase, kein Schlamm, tolles Badewasser und die Hunde hatten einen Heidespaß!

 

Übergang vom Pinienwald zum Moor. Pinien sind fast die einzigen Bäume, die um einen Bog herum wachsen können. Die Bäume hier sind nicht etwa jung, sondern erreichen trotz ihres hohen Alters durch die wenigen Nährstoffe keine größere Höhe.
Immer wieder wird die Landschaft von diesen kleinen Seen unterbrochen.
Ein Bog-Gebiet erstreckt sich meist über mehrere Kilometer. Damit Menschen es trocken durchqueren können, führen solche Wege durch die Ebene.
Durch den Torf ist das Bogwasser sehr braun. Allerdings soll es gut für die Haut sein!

Was für ein herrlichen Abenteuer! Zurück in Tallinn haben Elen und ich uns noch ein paar schöne Tage gemacht, in denen wir uns vor allem entspannt und vegane, glutenfreie Restaurants ausprobiert haben. Nach einer Woche war es allerdings Zeit für den Abschied, denn Elen hatte ein Event mit Freunden, den dem sie teilnahm. Generell sind Estländer sehr naturverbunden und für sie gehört Zeit in der Natur zu verbringen zu den ganz normalen Freizeitaktivitäten. Daher gibt es auch eine staatliche Organisation, die sich (offiziell) um die Erhaltung der Wälder und Naturerholungsgebiete kümmert. Es gibt zahlreiche Wanderwege, Tagestouren, Trails und Restplätze überall im Land, alles kostenlos. Nimmt man an den Wanderwegen teil, kriegt man sogar einen Pass, in dem man Stempel sammeln kann, für die man wiederum kostenlose Duschen usw. bekommt. Dafür würde ich auf jeden Fall wiederkommen! Noch ein Vorteil der hiesischen Natur ist nämlich: es ist alles total flach! Der Höhenunterschied von Riga nach Tallinn beträgt z. B. 83m, also ideal für Bergsteigermuffel zum Wandern!

Und das Beste ist: Diese Organisation hat auch eine App, in der all die tollen kostenlosen Rast- und Parkplätze eingezeichnet sind. Mit dieser bewaffnet habe ich mich also wieder auf den Weg gemacht und mich an diesem Ort hier niedergelassen:

Wie ihr seht, gibt es dort auch Feuerstellen und sogar eine Trockentoilette. Dieser Parkplatz war direkt gegenüber einer alten 2ha große Festung, von der jedoch nicht viel übrig geblieben ist außer der Mauer, dem 5m-Durchmesser-Brunnen und einem Katapult, was sie wieder aufgebaut haben. Das Gegengewicht sind übrigen 1400kg!

Irgendwer hat diesen Bogen über Nacht aufgebaut, obwohl es sonst nicht wirklich nach Hochzeit aussah. Mein „bereitwilliges“ Fotomodell hat sich damit ablichten lassen, haha.

Durch ein Missverständnis hatte ich 15GB Datenvolumen erworben, allerdings nur für Estland. Daher beschloss ich, noch ein paar Tage auf diversen kleinen Stellplätzen zu verbringen, zu arbeiten, zu bloggen usw., um meinen Geiz zu befriedigen. Allerdings überrascht mich dort das erste Mal ein heftiges Gewitter und plötzlich fange ich mit einer Tasse Wasser im Van auf … Wie ich dieses Problem löse, erzähle ich euch im nächsten Beitrag!

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