Der Mut des kleinen Mannes

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich liebe fantastische Geschichten. Märchen, Sagen, Fantasyromane und -filme … Helden und Heldinnen, die all ihr Können, ihre besonderen Fähigkeiten einsetzen müssen, um eine schier unmögliche Aufgabe zu erfüllen. Da gibt es Zweifel und übermächtige Gegner und immer wieder Momente, in denen Mut der Schlüssel ist, um am Ende alles doch noch zum Guten zu wenden. Die Geschichten steigern sich immer weiter, bis alles auf eine Entscheidung hinausläuft; einen Wimpernschlag, in dem sich die Hauptprotagonisten einfach zusammenreißen und handeln müssen.

Wahh, allein drüber zu schreiben, erfüllt mich schon mit Anspannung und Erwartung und der positiven Hoffnung, dass es jetzt gleich alles gut wird!

Solche Bücher lese ich nun schon, seit ich lesen kann. Und immer habe ich mich mit den Charakteren identifiziert, felsenfest davon überzeugt, dass, wenn es an mir läge, ich ohne zu zögern genauso mutig handeln würde. Und jetzt sitze ich hier und traue mich nicht, eine E-Mail abzuschicken. Irgendwie war ich immer davon überzeugt, dass Bücher zu lesen, uns automatisch schult, wir ganz automatisch daraus lernen; gut und böse unterscheiden, zwischen Zeilen lesen, Grauzonen entdecken. Und dass wir einfach anhand unserer bewunderten Lieblingscharaktere unbewusst anstreben, genauso zu sein: ehrlich oder fürsorglich oder mutig. Doch jetzt ertappe ich mich dabei, dass das leider nicht so einfach ist.

Zuerst einmal ist es schwierig, den Mut, den man aufbringen muss, um gegen einen Drachen zu kämpfen, mit dem Mut zu vergleichen, den ich brauche, um die Gefahr zu überstehen, mich lächerlich zu machen, indem ich was Dummes sage (ob das dann überhaupt passiert, steht noch mal auf einem ganz anderen Blatt). Ehrlich gesagt, ist mir bis vor ein paar Tagen nicht mal in den Sinn gekommen, dass ich diese beiden Momente miteinander vergleichen könnte. Aber das kann man, sehr wohl sogar!

Das sind genau die Momente, in denen wie als Alltagsmenschen Mut zeigen müssen, in denen wir uns eben einfach mal zusammenreisen und machen müssen! Wahrscheinlich übersehen wir diese kleinen Situationen viel zu leicht, weil sie sich eben nicht so pompös ankündigen, aber ihre Wirkung und Bedeutung steht dem Drachen in nichts nach.

Als ich also so vor meinem Laptop saß, hab ich mich gefragt: Wenn dein Leben ein Buch wäre, wie würdest du wollen, dass die Geschichte jetzt weitergeht? Oder wohin sie geht?

Was wäre das denn für eine Geschichte, wenn ich mir sage „Yay, ich werde erfolgreiche Freiberuflerin!“, um dann bei der ersten schwierigen E-Mail den Schwanz einzuziehen? Eine ziemlich langweilige. Das ist doch jetzt genau der Moment, in dem ich als Leser sehen will, wie sich die Protagonistin richtig reinhängt und die Zähne zusammenbeißt und den Drachen erschlägt/die E-Mail schreibt und damit alles verändert!

Also hab ich mein Kettenhemd rausgeholt und auf „Senden“ geklickt.

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JuliaCaroline RichterHermann Recent comment authors
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Hermann
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Hermann

Ein wunderbarer Bericht!

Julia
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Julia

Liebe Caro, du bist eine inspirierende, strahlende Persönlichkeit – Gratulation 😉 und alles Gute auf deinem Weg! Falls du mal nach Basel in die schöne Schweiz kommen möchtest, melde dich. Du bist herzlich willkommen! Liebe Grüsse