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211 ebay-Benachrichtigungen oder: Wie es ist, seine Wohnung aufzulösen

Es ist so weit: Wir sind ausgezogen. Am 01. Juni 2018, haben mein Freund Viktor und ich die Schlüssel für unsere Wohnung in Berlin abgegeben und irgendwie fühlte sich das wie das Staffelfinale einer geliebten Serie an. 1,5 Jahre haben wir dort gewohnt, davor in verschiedenen WGs überall in Berlin verteilt, aber diese war unser erstes gemeinsames Zuhause.  Die letzten Wochen bestanden daher aus Packen und Verkaufen, bis Cosmo vor der kompletten Verwirrung stand.

Obwohl wir schon vor einem Monat etwa angefangen haben, ist der Großteil doch eher in den letzten zwei Wochen und vor allem in letzter Minute passiert. Da Viktor generell einen sehr minimalistischen Lebensstil pflegt, hat er aus all den anderen Umzügen schon nie viel mitgebracht, aber ich … na ja, ich ein bisschen mehr eben 😉 Aber Möbel hatten wir eigentlich kaum welche, als wir eingezogen sind, noch nicht mal Geschirr, nur eine zwei Matratzen: eine für uns und eine für Cosmo. Obwohl wir wussten, dass wir nicht ewig dort wohnen bleiben werden, haben wir trotzdem viel Mühe in die Wohnung gesteckt. Um das Budget niedrig zu halten, wurde quasi jeder Gegensatz Stück für Stück über ebay Kleinanzeigen angeschafft, so bin ich z.B. einmal drei Stunden durch Berlin für einen Stuhl gefahren.

So viel Mühe hatten wir uns bis dato noch mit keiner Wohnung gegeben und umso seltsamer war daher auch das Gefühl, jetzt alles nach und nach wieder zu verkaufen. Vor vier Wochen wirkte das Ganze noch so viel distanzierter. Klar, ein roter Kleiderschrank fetzt, aber sollten wir uns irgendwo neu niederlassen – egal ob Thailand oder Kassel – werde ich garantiert keinen Aufwand mehr für einen 30€ Schnäppchen-Schrank betreiben. Der kommt weg, logisch. Aber als das gute Stück dann von seinem neuen Besitzer davon getragen wurde, trug dieser dann doch auch irgendwie ein Stück Zuhause mit weg.

Wie schwer ist es also, seine Wohnung aufzulösen?

 

Als materieller Sicht heraus so geht-so-schwer. Es sind einfach eine schier unendliche Zahl von Entscheidungen die in kürzester Zeit getroffen werden müssen, sodass mein Entscheidungskontingent gefühlt schon immer mittags aufgebraucht gewesen ist. Sachen über ebay Kleinanzeigen zu verkaufen, kann leider schnell zur Pest werden – 30 Nachrichten für einen Schrank, 40 Anfragen an einen Fernseher, bis der dritte auch nicht kommt … Aber immerhin mussten wir so relativ wenig wegwerfen und konnten gleich noch mal die Reisekasse ein bisschen füttern.

Viktor hatte nicht wirklich die Möglichkeit, noch Sachen irgendwo unterzustellen und so entschied bei den meisten seiner Sachen wirklich die Frage: Kann ich das bei einer Radreise gebrauchen und/oder ist es zu schwer? Das gibt eine ziemlich klare Kategorie vor, in der erstaunlich wenige Dinge Platz haben.

Ich habe bei meinen Eltern auch nicht mehr so viel Stellfläche offen, aber 1-2 Kartons sind schon noch okay, also konnte ich wenigstens an ein paar Sachen festhalten. Viele Reisende mieten sich auch Aufbewahrungsräume, aber dafür konnte sich keiner von uns begeistern. Selbst mir ging es gegen den Stolz, so sehr an materiellen Dingen zu hängen, als dass ich Geld dafür bezahlen würde, nur um sie nicht wegzuwerfen. Besonders schwer fielen die Entscheidungen bei praktischen Sachen, noch in top Zustand, die aber eben zu einem anderen Lebensstil passen. Ein neuer, ganz leiser Staubsauger zum Beispiel. Ich kann durchaus verstehen, wenn man denkt, man kann doch nicht alle seine tollen Sachen verkaufen, für die man so hart gearbeitet hat, aber die Antwort da drauf ist ganz simpel: Ein Traum für einen anderen.

Ich hatte zum Beispiel die letzten drei Jahre meine Haare komplett Türkis gefärbt, meine Meerjungfrauenhaare. Geliebt hab ich sie, darüber definiert hab ich mich und doch war mir klar: auf einer Reise die Haare regelmäßig in guter Qualität zu blondieren und dann zu tönen ist ein riesen Aufwand, zeit- und vor allem kostenintensiv, und kurz gesagt einfach eine Schwierigkeit, die man sich auch ersparen kann. Also entschied ich mich, die Haare wieder zu meiner Naturfarbe zurück zu färben, dabei hatte ich sie doch eigentlich in Türkis behalten wollen, bis sie mir zum Ellenbogen gingen. Durch meine Reise habe ich mir diesen Traum nicht erfüllen können, aber na ja, ich tausche einen Traum gegen einen anderen.

Emotional war der Abschied von der Wohnung trotzdem schwer. Mein Freund und ich hatten uns dort unser Leben aufgebaut, so oft sind wir alle Wege in der Gegend mit unserem Hundchen abgegangen, alles war vertraut und nun geben wir alles auf. Ich will nicht lügen: Als wir die Tür das letzte Mal hinter uns zuzogen, dachte ich nur: “Scheiße, ich hoffe, wir haben keinen Fehler gemacht.”

Aber Viktor konnte mich gleich beruhigen: Dann suchen wir uns eben eine neue Wohnung, einen neuen ätzenden Job und fangen von vorne an. Wir kriegen das schon hin. Und dieses Urvertrauen in uns, unsere Beziehung und unsere Fähigkeiten gibt mir die Sicherheit, nach vorn zu blicken und der Nostalgie nicht allzu viel Raum zu schenken.

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Naomi
Naomi
2 Jahre her

Wundervoller Beitrag, Caro! Er zaubert mir eine Träne ins Knopfloch und erinnert mich daran, wie wichtig es ist, seine Träume zu verfolgen und über welche Nichtigkeiten man sich so manchen Tag den Kopf zerbricht. Vielleicht treffen wir uns das nächste Mal ja in Japan??